Die sagenhaften Vier


Empfohlen ab 6 Jahren

Zu weit weg


Empfohlen ab 8 Jahren

Der 1960 in Hilden geborene Christian Petzold absolviert die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin. Dort kommt es zu der entscheidenden Begegnung mit dem Dokumentarfilmer und Filmkritiker Harun Farocki, für den er zunächst als Regieassistent tätig ist und mit dem er in der Folge (bis zu dessen Tod 2014) für alle seine Drehbücher zusammenarbeitet. Seine ersten Arbeiten dreht Christian Petzold für das Fernsehen. Schon mit seinem Debütfilm Pilotinnen (1995) macht er Zuschauer und Kritiker neugierig, von denen auch seine folgenden Fernsehfilme – Cuba Libre, Die Beischlafdiebin und Toter Mann – positiv aufgenommen werden.

Sein erster Kinofilm, Die innere Sicherheit (2000), bringt ihm die Goldene Lola für die beste Regie ein. Der Film handelt von einer 15-Jährigen, die ihr ganzes Leben auf der Flucht mit ihren Eltern, früheren Mitgliedern der RAF, im Untergrund verbracht hat. Die bemerkenswerte Regiearbeit, die die Neigung des Regisseurs zum Genrefilm und zum Drama zeigt, macht Christian Petzold zu einer führenden Figur der später von der Kritik so genannten Berliner Schule. Diese ist stark von dem Epochen- und Generationenwechsel der 2000er Jahre geprägt: ein Kino, in dem es vor allem um Stimmungen und Atmosphäre geht.

2002 beginnt mit dem Fernsehfilm Toter Mann eine lange und fruchtbare Zusammenarbeit mit Nina Hoss, deren implizites, fast stummes Spiel für das filmische Schaffen des Regisseurs essentiell wird. 2005 dreht er Gespenster, in dem eine Mutter verzweifelt ihre auf den Straßen Berlins verschwundene Tochter sucht und sie in einer jungen Waisen wiederzuerkennen glaubt. Das Umherirren der Personen, umgetrieben von ihrer Vergangenheit und mit ungewisser Zukunft, durchzieht als roter Faden seine „Gespenster-Trilogie“ aus Toter Mann, Gespenster und Yella.

2009 entdeckt das französische Publikum den Regisseur Petzold anlässlich des gleichzeitigen Erscheinens von Yella und Jerichow (vorgestellt 2008 auf der Mostra in Venedig), in denen das Verhältnis zum Geld, sein Eindringen in die Beziehungen zwischen den Menschen und in ihr Verhalten untersucht wird. In Yella versucht eine junge Frau aus dem Osten Deutschlands einen Neuanfang in einem Job in der Finanzbranche im Westen. In Jerichow bilden Verrat und Begierde die Schlüsselelemente eines Dramas, in dem drei der Liebe oder dem Geld hörige Personen von einem anderen Leben träumen. Man ist fasziniert von diesen Gestalten, die zugleich undurchsichtig, permanent angespannt und von einer leicht mit Kälte zu verwechselnden Unbewegtheit sind, sich aber im Kontakt zueinander mitreißen lassen.

Barbara (2012), ein internationaler Erfolg und auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet, bringt eine Wende im Werk des Regisseurs: Es ist der erste von drei Filmen, in denen er sich mit den Liebesbeziehungen in einer Zeit der Unterdrückung beschäftigt. In Barbara geht es um das mehrdeuti-ge Verhältnis zwischen einer Ärztin, die im Verdacht steht, in den Westen ausreisen zu wollen, und ihrem Kollegen in der Atmosphäre von Paranoia und totaler Überwachung, die in der 80er Jahren in der DDR herrschte. Zwei Jahre später verkörpert Nina Hoss in Phoenix eine Überlebende der Todeslager. Nach einer Operation ihres entstellten Gesichts findet sie ihren Mann wieder, der sie nicht erkennt, und erklärt sich bereit, dessen übles Spiel mitzuspielen: Sie soll in ihre eigene Rolle schlüpfen, um erben zu können. Diese Trilogie schließt mit Transit (2018), einem ergreifenden Fresko über Exil, Flucht und Opfer. Der Film wird von zwei vielversprechenden Schauspielern des deutschen Kinos getragen: Paula Beer und Franz Rogowski.

Wir laden Sie ein zur Begegnung mit diesem Regisseur, einer zentralen Figur des deutschen Autorenkinos, an 4 Terminen:

Montag, den 18. November um 18 Uhr im l’Auditorium des musées im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst für ein Publikumsgespräch, moderiert von Valérie Carré (ca. 1h30). Kostenloser Eintritt, nur mit Reservierung an folgende Adresse: invitation@lerecit.fr

Montag, den 18. November um 20:15 Uhr im Kino Star Saint-Exupéry in Strasbourg für eine Vorführung des Films Die innere Sicherheit.

Dienstag, den 19. November um 20 Uhr im Kino Bel Air in Mulhouse für eine Vorführung des Films Phoenix.

Mittwoch, den 20. November um 20 Uhr im Kino Le Florival in Guebwiller für eine Vorführung des Films Barbara.


Die Maurer haben Arbeit

Während wir den Fall der einen Mauer feiern, stehen andere noch, werden geplant, errichtet, körperlich oder symbolisch. An der Grenze zwischen den USA und Mexiko, zwischen Indien und Pakistan, im Mittelmeerraum, im Vereinigten Königreich, auf Zypern, in Korea, in Ungarn, vor allem aber in unseren Köpfen. Nachdem die Öffnung des Eisernen Vorhangs die Grundlagen für ein vereintes Europa geschaffen hatte, sehen wir heute, wie dieses Europa ständig in Frage gestellt wird und langsam zerfällt.
Unsere Geschichte zu kennen und zu verstehen, um nicht wieder dieselben Fehler zu machen, erfordert eine Übung in Erinnerung. Glaubt man den Filmemachern und ihren Beiträgen zu diesem Dokumentarfilm-programm, so wird das Bild der Geschichte am besten durch persönliche Berichte und Archive vermittelt, denn solche sind es, aus denen diese Auswahl besteht.
Bei Thomas Heise ist es die sorgfältige Erkundung von Familienarchiven und deren Gegenüberstellung in einem faszinierenden Fresko aus wunderbaren, auf einer Reise durch das Deutschland und das Österreich von heute entstandenen Schwarz-Weiß-Bildern, anhand deren der Dokumentarfilmer in Heimat Ist Ein Raum Aus Zeit die deutsche Geschichte des letzten Jahrhunderts über vier Generationen hinweg nachzeichnet.
In Mauerhase erzählen uns Piotr Rosolowski und Bartek Konopka die Mauer, wie sie von den einzigen Gewinnern ihres Baues erlebt wurde: den Kaninchen, denen die Mauer achtundzwanzig Jahre lang einen Lebensraum bot, in dem sie zu privilegierten Zeugen des Gangs der Geschichte wurden.
Kurz vor dem Fall der Mauer befragt Helke Misselwitz in Winter Adé Frauen, denen sie auf ihren Reisen quer durch die DDR spontan zu begegnen scheint, und lässt uns das Land mit anderen Augen sehen.
Und schließlich trifft, dreißig Jahre nach dem Mauerfall, Werner Herzog in Meeting Gorbachev den Mann, den er mit unverhohlener Bewunderung befragt. In einem Gespräch, durch das sich Archivfilme und die ikonische Stimme des Regisseurs aus dem Off ziehen, legt er uns das humane und freimütige Zeugnis eines Politikers vor, dessen Einfluss auf den Lauf der Weltgeschichte „monumental“ ist.
In der Hoffnung, dass man in dreißig Jahren nicht die Errichtung dieser neuen Mauern feiert.

Das Kings of Doc Expanded – Team